Henry Garde von Kaffee und Kunst

Henry Garde

Henry Garde
Henry Garde

28.02.1899, Bremen

Henry Garde arbeitete als Maler, Grafiker und Buchillustrator. 1956 gründete Henry Garde die „Junge Gruppe Worpswede“. Er war Mitglied im „Bund Deutscher Gebrauchsgraphiker, Landesgruppe Bremen“.

„In Bremen riecht es wieder nach Kaffee“, schrieb die Zeitschrift „Stern“ in einer ihrer ersten Ausgaben. Im August 1948 wurde das Magazin gegründet, am 20. Juni 1948 war die Währungsreform in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands in Kraft getreten. Die Blattmacher zeigten, wie sich die Menschen zwischen Ruinen und Wiederaufbau den einen oder anderen Luxus gönnten – Kaffee gehörte dazu. Ein brasilianisches Schiff hatte die erste Kaffeeladung gebracht. „Der Kaffee ist da, aber das Geld ist knapp“, so die Illustrierte. „Werbegraphiker bekommen die ersten Aufträge, um durch verlockende und werbewirksame Plakate den guten Vorsatz zur Sparsamkeit ins Wanken zu bringen.“ Bebildert ist der Text u.a. mit einem Foto, das einen Werber bei der Arbeit zeigt. In eleganter Haltung, ein Bein lässig über das andere gelegt, sitzt der Mann an der Staffelei.

Henry Garde
Henry Garde

Das grau melierte Haar ist nach hinten gekämmt, der Blick konzentriert auf das Plakat vor ihm gerichtet. Mit der rechten Hand zeichnet er die Konturen einer Tasse nach, aus der Duftwölkchen aufsteigen. „Der echte Kaffee“, steht in schwungvollen Buchstaben über der Kaffeewolke. Der echte Kaffee, das war in diesem Fall „Kaffee Hag“, der als weltweit erster koffeinfreier Kaffee Karriere machte. Der Bremer Kaffeeröster galt als Branchen- Multi. Für die Reklame war Henry Garde (1899-1977) verantwortlich, der bereits vor dem Krieg als Chefgrafiker für das Unternehmen gearbeitet hatte. Garde war einer der ersten Werbegrafiker überhaupt in Deutschland. Wem seine Handschrift vertraut war, der erkannte seinen kühnen Strich sofort.

Eine schöne Beschreibung des Werkes von Garde stammt von Britta Lübbers aus Texturen Oldenburg:

Die Magie der Mokkabohnen

Henry Garde war talentierter Grafiker, Maler und Ratsherr

„In Bremen riecht es wieder nach Kaffee“, schrieb die Zeitschrift „Stern“ in einer ihrer ersten Ausgaben. Im August 1948 wurde das Magazin gegründet, am 20. Juni 1948 war die Währungsreform in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands in Kraft getreten. Die Blattmacher zeigten, wie sich die Menschen zwischen Ruinen und Wiederaufbau den einen oder anderen Luxus gönnten – Kaffee gehörte dazu. Ein brasilianisches Schiff hatte die erste Kaffeeladung gebracht. „Der Kaffee ist da, aber das Geld ist knapp“, so die Illustrierte. „Werbegraphiker bekommen die ersten Aufträge, um durch verlockende und werbewirksame Plakate den guten Vorsatz zur Sparsamkeit ins Wanken zu bringen.“ Bebildert ist der Text u.a. mit einem Foto, das einen Werber bei der Arbeit zeigt. In eleganter Haltung, ein Bein lässig über das andere gelegt, sitzt der Mann an der Staffelei. Das grau melierte Haar ist nach hinten gekämmt, der Blick konzentriert auf das Plakat vor ihm gerichtet. Mit der rechten Hand zeichnet er die Konturen einer Tasse nach, aus der Duftwölkchen aufsteigen. „Der echte Kaffee“, steht in schwungvollen Buchstaben über der Kaffeewolke. Der echte Kaffee, das war in diesem Fall „Kaffee Hag“, der als weltweit erster koffeinfreier Kaffee Karriere machte. Der Bremer Kaffeeröster galt als Branchen- Multi. Für die Reklame war Henry Garde (1899-1977) verantwortlich, der bereits vor dem Krieg als Chefgrafiker für das Unternehmen gearbeitet hatte. Garde war einer der ersten Werbegrafiker überhaupt in Deutschland. Wem seine Handschrift vertraut war, der erkannte seinen kühnen Strich sofort.

Vortrefflicher Kamerad

Der damals 49-Jährige konnte aber noch viel mehr. Er war auch Künstler und als solcher ausgesprochen vielseitig. Mit Feder und Pinsel schuf er Landschaft und Porträt. Er malte in Öl und Aquarell, er nutzte gekonnt die Möglichkeiten von Linolschnitt und Radierung. Vom Gegenständlichen aber löste er sich nie, sieht man von kleinen Flirts mit dem Expressionismus einmal ab. „Ich bin ein gegenständlicher Maler“, bekannte er 1967 in einem Gespräch mit der Nordwest-Zeitung. 1949 zog Henry Garde nach Wildeshausen. Er ließ sich mitten in der Natur ein Haus ganz nach seinen Vorstellungen errichten, das ein Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler wurde. Er machte viele Jahre erfolgreich Kommunalpolitik, davon vier Jahre als stellvertretender Bürgermeister der Stadt. Und er war vernarrt in Bernhardiner und genoss hier als Fachmann und Bewertungsrichter einen hervorragenden Ruf.

Henry Garde war entschiedener Pazifist und als junger Mann Kommunist. Er war klug, belesen, amüsant, aufgeschlossen und unterhaltsam. Als er 1977 starb, verlor die Stadt Wildeshausen eine ihrer großen Persönlichkeiten. Auch nach seinem Tod gab es Ausstellungen mit Werken des Künstlers, der sich selbst als Romantiker und Naturalist bezeichnet hatte. 1983 wurde eine Straße nach ihm benannt. Im Bürger- und Geschichtsverein gibt es einen dicken Ordner mit vielen Informationen über Henry Garde, hier findet sich auch der (nicht datierte) „Stern“-Artikel. Henry Garde hat Spuren hinterlassen, durch sein Werk (darunter 1957 eine Freskomalerei für den Rathaussaal nach einem Stahlstich von Merian) und durch sein Wesen. Anlässlich seines 60. Geburtstags schrieb die Kunstkritikerin Katharina Albrecht: „Er hat sich immer als vortrefflicher Kamerad bewährt. Durch viele Jahre zeigte er in einem in seinem Haus ausgebauten Ausstellungsraum in selbstlosem Einsatz die Arbeiten seiner Kollegen. Immer gab er den Bildern anderer Maler den besten Platz, auch wenn er seine eigenen Arbeiten zeigte“ (Bremer Nachrichten, 26. September 1959).

Gegen den Krieg Henry

(Heinrich) Garde kam am 27. September 1899 in Bremen zur Welt. Obwohl ihm rund 50 Jahre später die Stadt 26 Wildeshausen eine zweite Heimat wurde, hielt er stets den Kontakt zu seiner Geburtsstadt. Dort hatte er seine ersten Ausstellungen, feierte erste Erfolge als Grafiker und Maler. Sein Vater, der Kaufmann war, soll als junger Mann ein Abenteurer gewesen sein. Er fuhr heimlich zur See und bereiste fremde Länder, darunter China und Indien. Zurück an Land, erfuhr er von der Geburt Die undatierte kolorierte Zeichnung von Kaffee Hag ist eine der komplexesten Arbeiten von Henry Garde. 27 seines Sohnes. Er gab das Nomadendasein auf und nahm eine wohl wenig aufregende Stelle beim Finanzamt an. Schon früh entdeckte der junge Henry seine Begabung für das Gestalterische. Er machte eine Lehre zum Lithografen und besuchte die Kunstgewerbeschule in Bremen, die er 1917 mit „sehr gut“ abschloss.

Doch anstelle des Zeichenstifts, musste er zunächst eine Waffe halten. Man zog ihn ein und kommandierte ihn an die Westfront ab. Viele seiner Altersgenossen waren mit Hurra-Geschrei in den Ersten Weltkrieg gezogen, auch unter Künstlern und Intellektuellen stand der Waffendienst damals hoch im Kurs. Nach dem Ende des großen Schlachtens krochen die Überlebenden einer ganzen Generation traumatisiert aus den Schützengräben. Henry Garde lehnte den Krieg zutiefst ab. Bestärkt in seiner pazifistischen Haltung wurde er u.a. durch Heinrich Vogeler (1872-1942), Mitbegründer der Künstlerkolonie in Worpswede. Vogeler war Sozialist, Utopist und gescheiterter Revolutionär. 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, geriet an die Ostfront und wandelte sich zum Kriegsgegner. 1931 ging er, beeinflusst durch bolschewistische Ideen, in die Sowjetunion, wo er als Deutscher nicht Fuß fassen konnte. Er wurde deportiert und starb in der kasachischen Verbannung. Vogeler und Garde trafen 1919 aufeinander, als Garde Worpswede besuchte. Sie wurden enge Freunde, die sich viel bedeuten. Ob ihre Beziehung auch Gardes Hinwendung zum Kommunismus förderte, ist nicht gesichert. 1920 ging der talentierte Grafiker, ausgestattet mit zwei Bremer Stipendien, an die Akademie für Buchgewerbe und Grafik nach Leipzig, das damals die unangefochtene Metropole für Gestaltung und Druckkunst war. Wer sich heute das druckgrafische Werk Gardes ansieht, die Detailversessenheit, die Akribie, mit der er seinen Motiven Leben einhaucht, den sicheren Stil, die Perfektion im Perspektivaufbau, der kann sich gut vorstellen, dass der junge Student ein sehr gelehriger und erfolgreicher Schüler war. In einer Radierung aus seinem Nachlass, die das Bremer Rathaus zeigt, glaubt man, die Fugen von jedem Stein zu erkennen. In Leipzig hatte Garde Kontakt zu sozialistischen Gruppen. Bis 1924 war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Kriegsgegner blieb er ein Leben lang. Lehrbrief vom 4. Juni 1917 zur bestandenen Gesellenprüfung (mit „sehr gut“) im Lithografenhandwerk.

Kecke Technik

Henry Garde ließ sich in Bremen als selbstständiger Gebrauchsgrafiker nieder und hatte schnell Erfolg. Seine Plakate wurden in Ausstellungen gezeigt und mit Preisen ausgezeichnet. Auch sein nicht grafisches Werk wurde wohlwollend kommentiert. „Eine neue Erscheinung ist Henry Garde, seine Aquarelle 88 und 86, und die Zeichnung 82 sind interessante Leistungen. Die kecke Technik macht Freude“, ist am 24. März 1924 in der Weser-Zeitung zu lesen. Zugleich riet der Rezensent: „Hüte er sich vor falscher Manier und der Süße, welche aus anderen Blättern nicht mehr fern gehalten ist.“

1922 heiratete der aufstrebende Künstler Ilse Höhle, mit der er drei Söhne bekam, darunter Henry Garde junior, der ebenfalls ein erfolgreicher Grafiker und Maler wurde. 1923 beteiligte sich Garde an einem Kunstwettbewerb, zu deren Jury auch Dr. Ludwig Roselius (1874- 1943) gehört, Großunternehmer des Bremer Kaffee-Hag-Imperiums und Förderer der Kunst. Henry Garde erhielt gleich zwei Auszeichnungen, sodass Roselius auf den jungen Grafiker aufmerksam wurde. Er bat um ein Treffen, das den Beginn einer von großer Wertschätzung gekennzeichneten Beziehung markiert. Garde arbeitete nun für Kaffee Hag, 1932 wurde er Chefgrafiker des erfolgreichen Unternehmens. Künstlerisch war er damals von Christian Arnold (1889-1960) beeinflusst. Arnold gehörte zu jenen Männern, die der Erste Weltkrieg schwer beschädigt hatte. Er war ein Ruheloser, der verschiedene Kunstrichtungen wie Säle durchschritt, in denen er nicht lange verweilen konnte. Vom Expressionismus gelangte Arnold zur Neuen Sachlichkeit, bis er sich dem Magischen Realismus zuwandte.

Im Dritten Reich wurde Henry Garde wegen seiner sozialistischen und kriegsfeindlichen Haltung drangsaliert. Die Gestapo durchsuchte sein Haus, 1937 wurde er verhaftet, kam aber bald wieder frei. Erneut musste er Kriegsdienst leisten, diesmal als Gefreiter und Unteroffizier bei der Luftwaffe. 1945 wurde er aus der Wehrmacht entlassen. Nach dem Scheitern seiner ersten Ehe heiratete Henry Garde 1940 Ella Keese, mit der er eine Tochter bekam. Die Ehe hat bis zu seinem Tod gehalten.

Zum Wesen der Dinge

Schon während seiner frühen Künstlerjahre stellte Henry Garde aus – und die Resonanz war überwiegend positiv. „Und drüben auf der anderen Seite finden Sie Werke eines jungen Bremer Künstlers: Henry Garde, der den Krieg an der Front miterlebt hat und der seine freien Arbeiten den Mußestunden abringt, die ihm der Beruf lässt. Gardes Bilder tragen eine ganz persönliche Note. Sie sind beseelt von dem Wunsch, zu dem Wesen der Dinge über das Phänomen, über die bloße Erscheinung hinaus, vorzustoßen“ (Bremer Zeitung, 6. März 1935). Doch es gab auch kritische Stimmen. „Henry Garde ist bekannt als guter Plakatzeichner. Er stellt sich hier als Landschaftszeichner vor, dessen Absichten ernst zu nehmen sind. Aber man spürt, er hat sich von der dekorativen Malerei noch nicht freigemacht. 29 Die Farben stehen hart nebeneinander, das gilt besonders für die Stilleben. Das Zwischen-den-Dingen, Raum und Luft werden nicht spürbar“ (Bremer Zeitung, undatiert). Im Nachlass Gardes befindet sich ein Stillleben in Mokkatönen. Es zeigt eine glänzende Kaffeekanne und eine Kaffeetüte, aus der die Bohnen herausrollen. Fast meint man, den würzig-herben Duft zu riechen. Das Bild erzählt, wie jedes gute Stillleben, vom Innehalten, vom Leisesein, von der Besonderheit des Augenblicks und dessen Vergänglichkeit. Die Farben sind weich und fließen ineinander – festgehalten ist ein magischer Moment „zwischen den Dingen“.

Während der Künstler Garde sich in seinem Metier verfeinerte, ging draußen die Welt unter. Henry Garde und seine Frau wurden ausgebombt, sie flüchteten in die Nähe von Nienburg, wo sie das Kriegsende erlebten. Danach waren die Würfel gefallen. Garde wollte nicht zurück in die Stadt, sondern sich auf dem Land niederlassen, die Wahl fiel auf Wildeshausen.

Das Alte bewahren

In Schneverdingen hatte Henry Garde ein altes Bauernhaus entdeckt, in das er sich spontan verliebte. Das Fachwerkgebäude entsprach genau seinen Vorstellungen vom Leben und Arbeiten auf dem Land. Er übernahm den Grundriss und baute sich innerhalb von zwei Jahren sein Traumdomizil an den Stadtrand von Wildeshausen. Dort, am Katenbäker Berg, wohnt heute seine Tochter Elgin Garde. Sie weiß aus Erzählungen, unter welch schwierigen Bedingungen der Hausbau kurz nach Kriegsende vonstatten ging. „Mein Vater fuhr kein Auto, die Bahnanbindung war schlecht“, sagt sie. Auch wenn es wieder Kaffee gab, herrschte noch vielfach Mangelwirtschaft, Improvisationskunst war gefragt. Dennoch gelang es Doppelte Leidenschaft: Sein Interesse an Bernhardinerhunden hat Garde auch grafisch in zahlreichen Arbeiten umgesetzt. Signiert: „Brigitta von Brassenhof 8348. Bes: W. Meier, Hemelingen b. Bremen. Henry Garde 28“ Typischer Garde, Zeichnung mit Wildeshauser Motiv: „Alte Bürgerhäuser in Wildeshausen 1940“. 30 Garde, sich eine Wohnstatt zu schaffen, die ihren einzigartigen Charme bis heute konserviert hat. Gleich über den Eingang malte der gesellige Künstler einen plattdeutschen Spruch, der jene, die guten Herzens sind, hereinbittet. Wer Böses im Schilde führt, so heißt es weiter, möge aber draußen bleiben. In der Diele verzierte Garde einen Holzbalken mit einem Goethe-Spruch: „Tages Arbeit, abends Gäste/saure Wochen, frohe Feste!“ Jeder einzelne Buchstabe leuchtet so frisch, als sei er gestern aufgebracht worden. Das Zitat kennzeichne ihren Vater gut, meint Elgin Garde. „Er war ein sehr aufgeschlossener Mann, xxx 31 der gerne Menschen um sich hatte und sehr gerne diskutierte.“ Zugleich sei es ihm ein Herzensanliegen gewesen, Geschichte, sowie Dinge, die Geschichte erzählen, zu bewahren. „Er hat zum Beispiel dafür gekämpft, dass das alte Zollhaus nicht abgerissen wird“, weiß sie. Als Kommunalpolitiker habe er sich sehr für den Erhalt der historischen Altstadt eingesetzt.

1950 trat Henry Garde in die SPD ein, baute den Ortsverein in Wildeshausen auf und führte ihn in den Stadtrat. Von 1956 bis 1964 und von 1968 bis 1972 war er Mitglied im Rat der Stadt, von 1961 bis Während einer 16-tägigen Nordseefahrt im Jahr 1957 erhielt Garde zahlreiche Inspirationen für maritime Motive. 32 1972 saß er für die SPD im Kreistag. 1969 zeichnete ihn die Stadt Wildeshausen für sein langjähriges Engagement im Ehrenamt aus. 1970 wurde er Ehrenvorsitzender der Wildeshauser SPD.

Ein Treffpunkt für Künstler

Was die Kunst betraf, so wollte Garde sein Haus zu einer kulturellen Begegnungsstätte machen. In zahlreichen Ausstellungen gab er namhaften und neuen Künstlern ein Forum, darunter Christian Arnold, Ernst von Glasow (1897- 1969), Willy Oltmanns (1905-1979) und Heinrich Schwarz (1903-1977). Auch sein Sohn Henry Garde jun. und er selbst stellten dort aus. Zu den von ihm initiierten Künstlertreffen reisten Maler, Bildhauer und Grafiker aus dem gesamten Nordwesten an. Zur Gründung der „Jungen Gruppe Oldenburg“ kamen Vertreter des Niedersächsischen Kultusministeriums und des Bundes Bildender Künstler Nordwestdeutschlands. Man tat sich zusammen, „um der gemeinsamen Zielsetzung einer zeitnahen Bildschöpfung durch engeren Zusammenschluss größere Stoßkraft zu geben“, wie die Bremer Nachrichten etwas gespreizt vermerkten (19. September 1951). Ob „Herbstliche Bilderlese“, „Sommerausstellung“ oder „Kunstschau in Wildeshausen“: Das Haus der Gardes war ein beliebter Treffpunkt für Kunstschaffende und Kunstinteressierte. Auch Elgin Garde kann sich noch an manche Geselligkeit erinnern. Ihr Vater (der zudem in verschiedenen Vereinen aktiv war, darunter die Deutsche Philatelisten-Jugend, die Liedertafel 1848 Wildeshausen und der St. Bernhardsclub) habe gerne eingeladen – übrigens nicht immer zur Freude seiner Frau Ella, die zuweilen sehr kurzfristig davon unterrichtet wurde, dass wieder zahlreiche Gäste zu bewirten seien.

Einbaum und Ozeanriese

Henry Garde war in erster Linie Grafiker und Maler. Die Plastik lag ihm nicht so sehr, er nannte sich selbst einen „Nicht- Bildhauer“. Trotzdem schuf er auch Plastiken, darunter 1967 das Objekt „Aufwärts-voran“ für eine Nato-Wohnsiedlung in Zeven. Das rund sechs Meter hohe Monument aus Zement, Eisen und Kupfer zeigte eine Eisenmauer mit steil in den Himmel ragenden Pfeilen, die den Drang nach vorn symbolisieren sollten. Gardes Arbeiten der letzten Jahre tragen eine etwas schwermütigere Handschrift. Holzschnitt „Bauerngehöft“ von 1974. 33 Man muss diese Art Skulptur heute nicht mehr mögen. Sie unterstreicht aber die große Vielseitigkeit, mit der dieser Mann begabt war. Einmal erhielt er den Auftrag, ein rund 1.300 Seiten starkes Schülerlexikon zu illustrieren. Etwa 1.500 Zeichnungen und bunte Tafeln fertigte Garde an, die den Anschauungswert des 1953 im Hans-Witte-Verlag (Freiburg) erschienenen Buches erhöhen sollten – eine immense Fleißarbeit. Die Nordwest-Zeitung machte einen Hausbesuch und war beeindruckt: „Der erste Pflug entstand – in der Zeichnung – am selben Tag wie der Mähdrescher. Spielzeug, Handwerkszeug, Höhlen und Wolkenkratzer, Ikone und Dome, Waschlappen und modernste Badeeinrichtungen, Einbaum und Ozeanriese, Bergwerk und Flugzeug, Kultur und Zivilisation (…), alles wird im Bilde festgehalten und druckreif geliefert. Täglich entstehen 6 Zeichnungen, das bedeutet 12 Stunden harter Arbeit; allerdings versicherte Henry Garde: ,Was ich bei Dürer an Zeit versetze, kann ich bei Picasso wieder herausholen’“ (nicht datiert). „In der Arbeit war er impulsiv und folgte seinen Neigungen. Er gab manche Arbeit auf, begann neu oder ließ sie liegen, und setzte sie oft sehr viel später fort (…). Er arbeitete schnell und mit sehr geringem Aufwand. Von seinen Arbeiten trennte er sich leicht. Ordnen und Sammeln, Systematisieren und Theoretisieren lag ihm weniger. Anregbar, gesellig, der Lebensfreude zugewandt und in der Berufsarbeit oft unter Zeitdruck war sein Sinn, auch kunstbereit, stets auf Henry Garde verzierte einen Balken in der Diele seines Hauses auf dem Katenbäker Berg mit dem Spruch von Goethe: „Tages Arbeit, abends Gäste/saure Wochen, frohe Feste!“ 34 das Gegenwärtige gerichtet“, schreibt Dr. Karl Veit Riedel, ehemaliger Oberkustos am Landesmuseum Oldenburg, über den Künstler (Riedel: „Henry Garde“, Isensee Verlag Oldenburg, 1980). Auch Elgin Garde erinnert sich an einen fleißigen Vater, den sie als Kind durchaus bei der Arbeit stören durfte. Oft war er mit mehreren Projekten gleichzeitig beschäftig. Dass es nichts zu tun gab, kam bei ihm nicht vor. Und dann waren da ja noch die Bernhardiner (einmal hatte die Familie drei Hunde gleichzeitig), die Hühner, Schafe und der Garten. Anders als viele seiner Künstlerkollegen reiste Henry Garde nicht gern und wenn, dann bevorzugte er nahe Ziele. „Ich mache Urlaub in Dötlingen“, sagte er beispielsweise. Er packte den Skizzenblock ein, nahm sein Rad, mietete sich in einem Hotel ein und zeichnete jene Welt, die sich ihm auf seinen Streifzügen offenbarte. Als junger Mann war er fasziniert von alten Stadtbildern und urbanen Winkeln, als älterer Künstler war die niederdeutsche Landschaft mit ihrer Weite und ihren windgeduckten Bäumen ein Thema, das sich für ihn nie erschöpfte.

Platz für Jüngere

Henry Garde
Henry Garde

Zweimal machte Henry Garde in seinen Wildeshauser Jahren eine Ausnahme von der selbst gewählten Reise-Abstinenz: 1957 ging er mit dem Heuerschein eines Leichtmatrosen an Bord des Fischdampfers „Alexander von Humboldt“ und hielt während der sechzehntägigen Nordseefahrt die Arbeit der Fischer und die Launen der meist stürmischen See fest. Ein Aquarell, das er damals malte, zeigt die Männer in ihren schweren Öljacken, wie sie die vollen Netze ins Boot hieven. Mit wenigen feuchten Pinselstrichen gelang es Garde, den Charakter der silbrigen Fischschuppen mit ihrem typischen Metallglanz festzuhalten. Obwohl Autodidakt in der Malerei, verfügte er über großes künstlerisches Geschick, das ihn nach Ansicht von Karl Veit Riedel vor zu glatter Vollendung bewahrte: „Nur durch die volle Beherrschung der Mittel wahrte er die Grenze des Allzuverständlichen.“

1968 verbrachte

Henry Garde
Henry Garde, 1965, die jungen Worpsweder, Abend im Moor zwei

Henry Garde eine arbeitsintensive Zeit in den Niederlanden. Viele Jahre später reiste Elgin Garde auf den Spuren ihres Vaters dorthin. In einem Hotel in Giethorn, in Auch den Kamin seines Hauses gestaltete Henry Garde kunstvoll mit einem „Hauswappen“, in dem sich ein Bernhardiner befindet. 35 dem auch er während seines Aufenthalts gewohnt hatte, entdeckte sie ein Bild, das eindeutig von ihm stammte. Es kommt gelegentlich vor, dass man sie in Kunsthandlungen auf seine Werke hinweist. Manchmal kauft sie die Bilder zurück. Auch in ihrem Elternhaus hat der Vater als Künstler seinen Platz behalten. Die Arbeiten der letzten Jahre tragen eine schon etwas schwermütige Handschrift. „Alter Flußarm im Winter“ (1976) z.B. zeigt eine melancholisch wirkende Schneelandschaft. „Im Moor“ (1976) beugen sich die Zweige der Birken einem heftigen Wind. Aber bis zum Schluss arbeitete Henry Garde seine Motive zeichnerisch durch, ist sein Strich sicher und elegant zugleich. 1970, so schreibt Karl Veit Riedel, trat Henry Garde von all seinen politischen Ämtern zurück, um Jüngeren Platz zu machen. Doch war dieser Rückzug wohl nicht frei von Wehmut. Als alter Mann habe ihr Vater zuweilen in sich gekehrt gewirkt, erinnert sich Elgin Garde. Sein Haus war nicht mehr das Epizentrum der kulturellen Szene, andere Künstler rückten nach. In seinem letzten Lebensjahr musste er mehrmals ins Krankenhaus. Am 27. Oktober 1977 starb Henry Garde. Er wurde unter großer Anteilnahme auf dem Wildeshauser Friedhof beigesetzt. Denen, die ihn kannten, wird „seine stattliche Gestalt, sein lebhaftes, freundliches Temperament und seine lebensbejahende Vielseitigkeit“ (Riedel) in Erinnerung geblieben sein. So war Henry Garde in Wildeshausen bekannt: Fröhlich, aufgeschlossen und freundlich.

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